Viele Musiker begreifen sich als Chronisten ihrer jeweiligen Generation. Andere observieren die politische und soziokulturelle Gegenwart von einem Punkt des äußeren Betrachters aus. Und wieder andere betreiben eine intensive Innenschau und formulieren ihre Sorgen und Sehnsüchte in höchst persönlichen Songs. Die japanisch-amerikanische Sängerin und Songwriterin Mitski tut alles drei zugleich – und dies in einer selten dringlichen Weise. Ihre häufig überraschenden, teils klangästhetisch bewusst fordernden Songs finden ihre Perspektive stets aus einem persönlichen Blickwinkel und treten von dort in die horizontale Weite einer beachtlichen Allgemeingültigkeit. Themen wie Identität, die Zugehörigkeit zu bestimmten 'Peer Groups' oder das ewige, so erschreckend wenig beeinflussbare Wechselspiel zwischen den Momenten reinen Glücks und den (in aller Regel längeren) Phasen subtiler Traurigkeit formuliert die 27-jährige Sängerin und Multiinstrumentalistin in bestechend individueller und zugleich universell verständlicher Weise. Gerade die Fragen um die eigene Identität beschäftigen die als Mitski Miyawaki in Japan Geborene nachhaltig: Ihre gesamte Kindheit und Jugend verbrachte sie in den unterschiedlichsten Ländern wie Malaysia, China, der Türkei oder der Republik Kongo. In all dieser Zeit waren ihre engsten Freunde vor allem die Platten ihrer Eltern: Die globale Folk- und Indiemusik des Vaters hatte dabei einen ähnlich nachhaltigen Effekt auf sie wie die große Sammlung ihrer Mutter an japanischer Popmusik aus den 70er-Jahren. Über all dies schrieb die Absolventin eines Kompositionsstudiums am New Yorker SUNY Purchase Conservatory of Music im Jahr 2016 ein Album mit dem Titel „Puberty 2“ - die „2“ im Titel als Zeichen dafür, dass sie durch die vielen Umzüge in ihrer Kindheit dem Eindruck unterliegt, erst jetzt ihre tatsächliche Pubertät „nachzuholen“.

„Puberty 2“ war indes bereits das vierte Album von Mitski. Bereits während ihres Studiums veröffentlichte sie im besten DIY-Stil die beiden noch stärker dem Indiefolk zuzurechnenden Alben „Lush“ und „Retired From Sad, New Career In Business“, mit denen sie in den USA bereits eine treue Fanbasis fand, die ihr und ihren Klangexkursionen seither ergeben folgt. 2014 erschien mit „Bury Me at Makeout Creek“, benannt nach einem Simpsons-Zitat, ihr erstes offizielles Album, das erstmals einen deutlicheren Hang zu teils  herausfordernden und bewusst brüskierenderen Klangentwürfen aufwies. Mit Erfolg: Der US-Mediendienst Pitchfork etwa schrieb über die Platte, sie sei „ebenso innovativ wie fest verhaftet im 90er-Indie“, während der US-Rolling Stone sie auf seine Liste „10 Artists You Need to Know“ setzte und in der Rezension zur Platte  auf die besondere Qualität hinwies, dass man bei ihrer Musik „gleichzeitig an Black Sabbath, die Pixies und Liz Phair zu gleichen Teilen“ denken müsse. Mit „Puberty 2“ stieg Mitski nun 2016 endgültig zu einer Künstlerin des US-Indie auf, die höchst selbstbestimmt und konsequent ihren eigenen Weg geht.

Vor der Arbeit an ihrem neuen Album, das in diesem Frühjahr erscheinen soll und wie schon die Vorgänger komplett alleine von Mitski in Kollaboration mit ihrem Langzeit-Produzenten Patrick Hyland konzipiert und eingespielt wurde, widmete sie sich einer anderen Kunstgattung: In dem vielbeachteten Kurzfilm „Sitting“ der Regisseurin Emily Yoshida spielt sie eine Person, die anderen Menschen dabei zusieht, wie sie eine besonders starke Droge einnehmen, die es ihnen erlaubt, Gott zu treffen. Die Rolle der observierenden Beobachterin war der vielseitig begabten Vollblut-Künstlerin, die sich selber als „halb japanisch, halb amerikanisch, aber nichts so richtig“ beschreibt, wie auf den Leib geschrieben. Inwieweit auch diese Erfahrung einen Einfluss auf die kommende Platte haben wird, lässt sich derzeit noch nicht sagen – in einem ersten Statement zu ihrer aktuellen Arbeit ließ sie indes verlauten: „Die Welt wird zunehmend chaotisch und konfliktbeladen. Ich denke, immer mehr Künstler werden bereit sein, gewisse Risiken einzugehen, auch einmal dumm zu sein, experimentierfreudig und laut. Denn ich schätze, dass immer weniger Menschen Zeit haben für lauwarme Gefälligkeits-Musik.“ All das macht zweifellos viel Geschmack auf ihre kommende Platte sowie auf ihre drei Deutschland Konzerte im kommenden Oktober in Köln, Berlin und Hamburg.


Booking: Thomas Koester

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